[Litera-TEXT] Die Spiegelreisende. Die Verlobten des Winters, Christelle Dabos


In drei Worten: Winterlich –  märchenhaft –  gemächlich

Vor ewigen Zeiten geschah es, da wurde die Erde buchstäblich in Stücke geschlagen und die Menschen leben seither verstreut auf ihren Überresten, den Archen. Die unscheinbare Ophelia ist auf der friedlichen Arche Anima aufgewachsen und führt das beschauliche Dasein einer Museumsleiterin. Bis sie völlig unerwartet und auf höchste Weisung mit dem adligen Thorn vom eisigen Pol verlobt wird und von heute auf morgen ihre Heimat verlassen muss. Die unbeholfene und zerbrechlich wirkende junge Frau wird in eine ihr unbekannte Welt voller Hofintrigen, rivalisierender Klans und erbarmungsloser Kälte geworfen. Noch dazu erweist sich Thorn als undurchsichtiger und einschüchternder Zeitgenosse, der offenkundig ebenso unwillig auf ihre Verbindung reagiert, wie sie selbst.

Wird sich Ophelia am Pol zu behaupten wissen? Und warum soll sie als gewöhnliches Mädchen einen der einflussreichsten Männer am Hof heiraten?


»›Zu schwach, zu träge, zu verwöhnt…Ihr seid nicht für den Ort geschaffen, an den ich euch bringe. Wenn Ihr mir folgt, werdet Ihr den ersten Winter nicht überstehen […]‹« (S. 109)

Die Kälte und Unwirtlichkeit des Klimas am Pol spiegeln sich in den Charakterzügen der Menschen wider, die dort leben. In den Bezirken der Reichen, wo künstliche Gartenanlagen unter einer trügerischen Sonne erstrahlen, zeigt sich am deutlichsten, dass es sich um eine Welt des schönen Scheins, der Illusionen und der strengen Hierarchien handelt. Hier kreisen die außergewöhnlichen Fähigkeiten ihrer Bewohner darum, Trugbilder zu erschaffen oder ohne körperliches Zutun Wunden zuzufügen.

»›Genau wie ich Euch gesagt habe, Lack über dem Schmutz! Die Trugbilder finden sich überall hier. Es ist nicht immer ganz passend, doch daran gewöhnt man sich schnell.‹ Er seufzte abgeklärt. ›Augenwischerei! Den Schein wahren, das ist in gewisser Weise die Aufgabe der Miragen.‹« (S. 180)

Der Gegensatz zur Wärme Animas, wo sogar die Gegenstände eine Seele zu besitzen scheinen und die Menschen sich, trotz ihrer Differenzen, stets als eine große Familie betrachten, könnte größer kaum sein. Diese Gegensätze bringt Dabos erzählerisch lebendig zum Tragen, ohne dabei zu stark in ein Schwarz-Weiß-Denken abzugleiten.

Die stärkste Triebfeder der Geschichte ist das angespannte Verhältnis zwischen Ophelia und Thorn sowie auch zwischen Ophelia und Thorns Adoptivmutter, der eitlen, stolzen Berenilde, die in all ihren Gegensätzen aufeinanderprallen und sich doch immer wieder überraschend dem Bild, das man von ihnen hatte, entziehen. 

Weder Thorn noch Ophelia sind, was sie auf den ersten Blick zu sein scheinen. Thorn, hart, eisern, streng, unhöflich, gewährt im Verlauf der Handlung immer wieder Einblicke hinter seine Fassade. Da gibt es Respekt, ja, sogar Zuneigung zu entdecken. Dennoch bleiben seine wahren Gefühle und Pläne bis zum Schluss rätselhaft und lassen den Leser sehnsüchtig die Fortsetzung erwarten.

Die zarte Ophelia hingegen erweist sich als unerwartet eigenwillige und starke Persönlichkeit. Von ihren besonderen Fähigkeiten erfährt man recht früh: Sie kann durch Spiegel an andere Orte reisen und mit ihren bloßen Händen die Geschichte von Gegenständen »lesen«. Am Pol muss sie ihren Kopf tief unten halten, vieles ertragen. Doch sie ist zäh, lässt sich nicht unterkriegen und begegnet den Herausforderungen mit Duldsamkeit und trockenem Humor.

»Ophelia hielt seinem Blick stand. Einem eisernen, herausfordernden Blick. Die Worte des Großonkels kamen ihr wieder in den Sinn, und sie hörte sich sagen: ›Ihr kennt mich nicht, Monsieur.‹ Sie stellte die Teetasse zurück aufs Tablett und schloss langsam und bedächtig die Tür zwischen ihnen.« (S. 109)

Das Tempo der Geschichte bleibt insgesamt eher gemächlich und die Spannung speist sich aus der Dynamik zwischen den Hauptcharakteren sowie den Geheimnissen und Intrigen der Menschen vom Pol, die Schritt für Schritt enthüllt werden. Im Gegensatz zu anderen Fantasyepen beschränkt sich dieses bislang auf einen einzigen Handlungsstrang und einen eher eingeschränkten Kreis von Personen. Vielleicht hätten wechselnde Perspektiven dem Stoff noch zu etwas mehr Lebendigkeit verholfen. Der Einfallsreichtum von Christelle Dabos ist jedenfalls nicht zu kritisieren, auch wenn sie meines Erachtens noch lange nicht in der Liga der von den französischen Kritiken heraufbeschworenen J.K. Rowling spielt.      


Fazit: Eine geheimnisvolle, magische Welt mit all ihren Schattenseiten, eine leidgeprüfte Protagonistin, die man einfach ins Herz schließen muss … Der perfekte Schmöker, um an einem Winterabend vor dem warmen Kamin tief im Sessel zu versinken. (Warum nur dieses Erscheinungsdatum?)


Rund um’s Buch:

Die Fortsetzungen »Die Verschwundenen vom Mondscheinpalast« und »Das Gedächtnis von Babel« erscheinen voraussichtlich im Juli bzw. November 2019 auf Deutsch. In Frankreich sind bereits alle drei Bände in den »Editions Gallimard Jeunesse« veröffentlicht. Ein vierter und letzter Band erscheint in Kürze. Dabos gewann mit ihrem Debüt 2016 den »Grand Prix de l’Imaginaire«, einen seit 1974 verliehenen Preis für phantastische Literatur in Frankreich.

Die Spiegelreisende. Die Verlobten des Winters * Christelle Dabos * März 2019 * Suhrkamp Insel Verlag * 978-3-458-17792-0 * 18,00 EUR

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