La peste, Albert Camus


In vier Worten: DER Klassiker zur Krise

»… c’est à peine croyable. Mais il semble bien que ce soit la peste.«

Albert Camus versetzt uns in die beschauliche Stadt Oran an der algerischen Küste, irgendwann in den Vierzigern. In den gleichförmigen Alltag der Bewohner bricht jäh eine todbringende Gefahr ein: Ratten kommen ans Tageslicht und sterben zu Tausenden, mitten auf Straßen und in Häusern. Als schließlich die ersten Menschen erkranken und mit Beulen übersät dem Tod entgegengehen, kann es auch der Letzte nicht mehr leugnen: Die Pest geht um in Oran!


»La peste« war für mich Schullektüre am Gymnasium. Hätte ich damals geahnt, dass ich dieses Buch rund 20 Jahre später noch einmal mit ganz anderen Augen sehen würde? Wohl kaum.

Während meines Re-Reads beschlich mich immer wieder das Gefühl, der Autor müsse den Ausbruch einer Pandemie live miterlebt haben, so gut passen seine Beschreibungen der einzelnen Phasen und der damit verbundenen Gemütszustände der Menschen zur gerade tatsächlich erlebbaren Krise. Unzählige Parallelen tauchten auf und jagten mir Schauer über den Rücken.

Tatsächlich hat Camus keine Pandemie hautnah miterlebt, jedoch finden viele Erlebnisse des Schriftstellers ihren Niederschlag im Werk. Genannt werden in diesem Zusammenhang immer wieder die Erfahrung von Belagerung und Résistance, die kriegsbedingte räumliche Trennung von seiner Frau und eine Tuberkulose-Krankheit, die ihn sein Leben lang begleitete. Oran ist im Übrigen der Heimatort seiner Frau, an dem er phasenweise auch selbst zu Hause war.

Wie im Jahr 2020, so beginnt auch hier die Krankheit im Frühjahr und die schöne Kulisse draußen gibt den Leuten das Gefühl, die Gefahr könne gar nicht real sein. Leugnen und Herunterspielen des Unfassbaren gehören zu den ersten Reaktionen, bis das irgendwann nicht mehr möglich ist.

» – Qu’est-ce que c‘est que cette histoire de rats? – Je ne sais pas. C’est bizarre, mais cela passera.« (S. 17)

» – Was ist das da für eine Geschichte mit den Ratten? – Ich weiß nicht. Merkwürdige Sache, aber das geht sicherlich vorüber.« *

Vorbereitet ist niemand auf das Drama. Obwohl jedem klar sein muss, dass Epidemien in regelmäßigen Abständen auftreten können und es nur eine Frage der Zeit ist, bis man selbst betroffen sein wird.

»Les fléaux, en effet, sont une chose commune, mais on croit difficilement aux fléaux lorsqu’ils vous tombent sur la tête. Il y a eu dans le monde autant de pestes que de guerres. Et pourtant pestes et guerres trouvent les gens toujours aussi dépourvus.« (S. 41)

»Seuchen sind in der Tat nichts Ungewöhnliches, aber man mag kaum daran glauben, wenn sie plötzlich vor der Tür stehen. Auf der Welt gab es genauso viel Pest wie Kriege. Und dennoch werden die Leute stets davon überrumpelt.« *

Es wird beschrieben, wie schwer es den Menschen fällt, die neue Realität zu akzeptieren und damit auch zu akzeptieren, dass ihnen, und zwar ihnen allen, damit auf unabsehbare Zeit ein großer Teil ihrer Freiheiten genommen ist. Viele ziehen sich zurück und klammern sich an ihre gewohnten Alltagsrituale, so gut das noch möglich ist.

»… ils pensaient que tout était encore possible pour eux […] Comment auraient-ils pensé à la peste qui supprime l’avenir, les déplacements et les discussions ? Ils se croyaient libres et personne ne sera jamais libre tant qu’il y aura des fléaux.« (S. 42)

»… sie glaubten, dass für sie noch alle Möglichkeiten offen stünden […] Wie hätten sie an eine Pest denken können, die ihre Zukunft, ihre Beweglichkeit und die Debatten gleichermaßen einschränkt? Sie dachten, sie seien frei, doch niemand wird jemals frei sein, solange es Seuchen gibt.« *

»… nos concitoyens avaient apparemment du mal à comprendre ce qui leur arrivait […] on continuait aussi de mettre au premier plan les préoccupations personnelles. Personne n’avait encore accepté réellement la maladie.« (S. 76)

»… unseren Mitbürgern fiel es offenbar schwer zu verstehen, was da passierte […] man kümmerte sich weiterhin vorrangig um seine persönlichen Belange. Niemand hatte die Krankheit bislang tatsächlich als solche akzeptiert.« *

Die Autoritäten kommen zunächst auch nicht gut mit der Situation klar, verharmlosen und verstricken sich lieber in kleinkarierten Diskussionen, als den Bewohnern den Ernst der Lage begreiflich zu machen.

»Il était difficile de tirer de cette affiche la preuve que les autorités regardaient la situation en face. […] l’on semblait avoir beaucoup sacrifié au désir de ne pas inquiéter l’opinion publique.« (S. 54)

»Es fiel schwer, aus diesem Plakat den Beweis herauszulesen, dass die Obrigkeit sich der Krise stellte. […] man schien vieles dem Wunsch geopfert zu haben, die Öffentlichkeit nicht zu beunruhigen.« *

Resultat ist, dass viele sich nur über die Einschränkungen ärgern und sich nicht betroffen fühlen, solange sie die Toten nicht direkt vor Augen haben. Doch die Lage verschlimmert sich zunehmend und die Stadt wird von der Außenwelt abgeriegelt. Die Zahl der Toten steigt, die Versorgungslage wird schwieriger, Krankenhäuser sind überfüllt …

Jeder geht sehr unterschiedlich mit der Bedrohung um. Manche versuchen, einfach nur ihre Haut zu retten und aus der Stadt zu fliehen, andere profitieren sogar vom Ausnahmezustand und weitere stemmen sich gegen das Unabwendbare und organisieren zivile Hilfstrupps oder stehen als Ärzte an vorderster Front gegen eine Krankheit, die fast zwangsläufig mit dem Tod endet. Sie setzen der Todesgefahr, der auch sie selbst oft nicht entrinnen können, Hoffnung und Solidarität entgegen. Sie müssen ihre weitestgehende Machtlosigkeit erkennen, entscheiden sich jedoch für das Gebot der Menschlichkeit, indem sie trotzdem nicht aufgeben.

Der Kampf gegen die Pest wird in zahlreichen Metaphern in einen kriegerischen Zusammenhang gerückt. Das erinnerte mich sofort an die Rede des französischen Präsidenten Macron: »Nous sommes en guerre!«

Geht es nach den religiösen Autoritäten, lohnt der Kampf gegen die Krankheit nicht, denn sie ist verdiente Strafe Gottes für die Sünder und muss duldend ertragen werden.

»Mes frères, vous êtes dans le malheur, mes frères, vous l’avez mérité.« (S. 91)

»Meine Brüder, das Unglück ist über euch gekommen, meine Brüder, ihr habt es verdient.« *

Die Predigt des fanatischen Père Paneloux ist die wohl radikalste Antwort auf die Krise. Doch auch heutzutage gibt es Stimmen, die Ähnliches verkünden. So befand sich vor wenigen Wochen dieses Pamphlet in unserem Briefkasten (Ausschnitt):

Neben der Angst vor der Krankheit ist die große Ungewissheit das Schlimmste an der Krise. Wie lange wird all das andauern und wann kehrt die Normalität zurück? Ein seltsamer Schwebezustand, den Camus ganz wunderbar beschreibt.

»Ils s’astreignaient par conséquent à ne penser jamais au terme de leur délivrance, à ne plus se tourner vers l’avenir et à toujours garder, pour ainsi dire, les yeux baissés […] ils flottaient plutôt qu’ils ne vivaient, abandonnés à des jours sans direction et à des souvenirs stériles, ombres errantes qui n’auraient pu prendre force qu’en acceptant de s’enraciner dans la terre de leur douleur.« (S. 72)

»Sie zwangen sich daher, niemals über den Endzeitpunkt der Krise nachzudenken, nicht mehr in die Zukunft zu schauen und gewissermaßen stets den Blick gesenkt zu halten […] sie schwebten viel mehr, als dass sie lebten, zurückgeworfen auf Tage ohne Ziel und sterile Erinnerungen; herumirrende Schatten, die nur Kraft hätten schöpfen können, indem sie akzeptierten, im Land ihres Schmerzes Wurzeln zu schlagen.« *


* Eigene Übersetzung


Fazit: Gottseidank ist Corona nicht so gefährlich wie die Pest! Sonst hätte ich nach dieser Lektüre wirklich nicht mehr schlafen können. Aber viele Parallelen sind unbestreitbar. Ein kluges Buch, das zwar keinen allzu großen Optimismus versprüht, jedoch die kleine Flamme der Hoffnung hochhält und den erbitterten Widerstand der Menschen gegen eine tödliche Macht porträtiert.

Rund ums Buch:

»La peste« wurde 1947 veröffentlicht und gilt als eines der wichtigsten französischen Werke der Nachkriegsliteratur. Albert Camus schrieb fünf Jahre lang daran, unter anderem während seiner Zeit in der französischen Résistance.

Albert Camus * La peste * Editions Gallimard * 2-07-036042-3 * 1947 * 288 Seiten * TB

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