Ein Jahr Architexterin oder: Man wächst mit seinen Aufgaben

Jahreswechsel sind immer eine gute Gelegenheit, um innezuhalten, das Erreichte und Erlebte Revue passieren zu lassen, Schlüsse zu ziehen und mit frischen Ideen und Zielen ins neue Jahr zu starten.

In diesem Jahr galt das für mich nicht nur im Privaten sondern auch im Beruflichen: Ende Januar feiert die Architexterin einjähriges Bestehen.

Und was war das für ein herausforderndes Jahr!


Viel gelernt habe ich dabei, ungeahnt viel. Als angehende Selbstständige sieht man sich mit einem Berg von Vorschriften, Anträgen, Gesetzen etc. konfrontiert. Was muss alles beachtet werden? Was braucht man? Was darf man und was nicht? Finanzamt, Steuern, Versicherungen, eigene Buchhaltung…

Der Aufbau und Unterhalt der Webseite erschafft einen ganz eigenen Kosmos an Arbeit und Vorschriften, der nicht zu unterschätzen ist (Stichwort DSGVO…). Marketing ist natürlich entscheidend, Logo, Geschäftspapier, Visitenkarten, Werbemittel, Fotos und Bilder, die eigene Zielausrichtung finden, wie kann man potentielle Kunden ansprechen…

Selbstständigkeit
Quelle: Pixabay/geralt

Neben all diesen Dingen, die für mich in weiten Teilen Neuland bedeuteten, war mir auch die Weiterbildung wichtig. So nahm ich an einem Kurs der VHS Karlsruhe teil, der mich fit gemacht hat im Umgang mit dem Layoutprogramm InDesign. Für die Erstellung und Bearbeitung von Geschäftsunterlagen kann ich dieses Programm nur wärmstens empfehlen!

Zum Thema SEO habe ich eine Fortbildung der Netzstrategen in Karlsruhe besucht, die wertvolle Erkenntnisse geliefert hat.

Ein Highlight in jeglicher Hinsicht war ohne Frage mein Ausflug zur Buchmesse in Frankfurt.

Mit den ersten Anfragen kamen dann gleich die nächsten Herausforderungen: Preise kalkulieren, Zeit und Aufwand abschätzen, Urheberrechtsfragen… Wie schreibe ich ein Angebot? Was gehört in eine Rechnung? Nur zwei von bestimmt hundert Fragen, die beantwortet werden wollten.

Zum Glück gibt es Menschen, die einem weiterhelfen und einen aufbauen, wenn man zwischendurch rat- und mutlos wird. Sehr dankbar bin ich meinem Mann und diversen Freunden, die Tipps und Ratschläge en masse parat hatten und mich in vielerlei Hinsicht im ersten Jahr unterstützten.

Selbstständigkeit
Quelle: Pixabay/wokandapix

Ein ganz besonderer Dank geht an Petra Jörger, die nicht nur für mein Logo und meine Visitenkarten verantwortlich ist, sondern sich auch immer wieder Zeit für zahllose hilfreiche Hinweise an den »Noob« genommen hat. Auch für erste Aufträge hat sie mich mit ins Boot geholt und dabei die Dinge so unkompliziert wie möglich gestaltet.

Ein herzliches Dankeschön für dein großes Vertrauen und auf eine gute weitere Zusammenarbeit im neuen Jahr!

Neben kleineren Korrekturarbeiten standen in diesem Jahr zwei größere Webseiten-Textprojekte im Zentrum, die ich zu gegebener Zeit unter der neu zu schaffenden Rubrik »Referenzen« kurz vorstellen möchte.


Damit bin ich auch schon beim Ausblick angelangt. Das zweite Jahr wird nicht minder herausfordernd, da bin ich mir absolut sicher. Viele wichtige Grundsteine sind gelegt und es kann mit Vollgas weitergehen. Mein Fokus wird insbesondere auf der Gestaltung von Webtexten liegen, doch auch den Bereich Übersetzung möchte ich vorantreiben und mich in Wirtschaftsfranzösisch weitergehend qualifizieren.

Es gibt also wie immer viel zu tun…

Ich wünsche allen Lesern, Kunden und Geschäftspartnern ein erfolgreiches und vielversprechendes Jahr 2020!

Das Ting, Artur Dziuk


In drei Worten: Kalte neue Start-up-Welt

Das Ting, Artur Dziuk

Linus, ein unauffälliger und beruflich erfolgloser Medizintechniker, entwickelt eine App, die den Alltag einer ganzen Gesellschaft nachhaltig verändern könnte: Das Ting. Die Anwendung sammelt unter anderem körperliche Daten und leitet daraus Handlungsempfehlungen für den Benutzer ab. Sein betrügerischer alter Freund Adam überzeugt ihn, das Ting in einem Start-up weiterzuentwickeln um es ganz groß rauszubringen. Mit dabei sind die geniale, aber menschenscheue Hackerin Niu und der um sein Erbe als Firmennachfolger geprellte Unternehmersohn Kasper. Alle vier sind mit Feuereifer dabei und die Fortschritte können sich sehen lassen. Dann fordert Adam zu Testzwecken den größtmöglichen persönlichen Einsatz: Sie alle sollen den Empfehlungen der App in ihrem Alltagsleben folgen – ohne jede Einschränkung…


Die zugrundeliegende Idee von »Das Ting« hatte mich sofort angesprochen. Am Ende blieb ich zwiegespalten zurück. Dziuk macht ein großes Fass auf in das er den Leser selbst hineingreifen lässt, um ihn dann allein vor den hochbrisanten Inhalten sitzen zu lassen. Als Leserin bin ich mit der Erwartung an dieses Fass herangetreten, dass die Dinge außer Kontrolle geraten und die böse böse Maschine (bzw. App) am Ende den Menschen regiert. Doch ganz so einfach macht es einem Dziuk nicht. Nach dem Lesen bleiben viele Fragen und Unsicherheiten. Wo hatte das Ting seine Finger im Spiel? Wo nicht? Natürlich regt das zum Nachdenken an, hat mich jedoch auch ein wenig unbefriedigt zurückgelassen.

Besonders mit den Charakteren musste ich hadern. Richtig sympathisch ist mir niemand geworden, was an sich noch kein Problem darstellt. Seltsam fand ich es jedoch, wie naiv die eigentlich intelligenten Teammitglieder gegenüber der Datenkrake sind und wie sie hier freiwillig die Kontrolle abgeben. Eine Weiterentwicklung implementiert die Empfehlungen des Ting direkt im Gehirn der Nutzer und sorgt dafür, dass es teilweise unmöglich wird zu unterscheiden was eigener Gedanke und was Empfehlung des Ting ist… Diese Art von Blauäugigkeit erschien mir etwas zu dick aufgetragen.

Auch stellt sich, bis auf Kasper, keiner der Protagonisten kritische Fragen zur eigenen Erfindung: Ist es eigentlich erstrebenswert, seine Selbstbestimmtheit an einen Algorithmus abzutreten? Sollten Entscheidungen wirklich nur aufgrund rationaler Datenerhebung getroffen werden oder ist das Bauchgefühl nicht doch wichtiger, als wir denken? Wie können wir auf einen Algorithmus vertrauen, der letzten Endes von irrationalen Menschen entwickelt und beeinflusst wird und wurde? Und welche weitreichenden Konsequenzen zieht das alles nach sich für die Art und Weise wie wir leben und miteinander umgehen? (Selbstoptimierungswahn, Verlernen des eigenständigen Denkens und Fühlens…) Mit diesen Fragen wird der Leser weitestgehend alleingelassen. Die Protagonisten reflektieren kaum. Sie alle erscheinen mehr oder minder getrieben von persönlichem Ehrgeiz, streben nach Geld, Ruhm, Anerkennung oder Selbstverwirklichung. Sie glauben an das Ting, ignorieren Warnungen und blenden Zweifel aus. Nicht nur einmal wirken sie wie Anhänger einer Sekte. Als Arbeitsplatz beziehen sie sogar eine ehemalige Kirche.

»Linus sagt sich, dass es niemals so weit kommen wird. Er wird sein Tool immer weiter optimieren, bis es nicht nur sein eigenes, sondern auch das Leben vieler anderer Menschen verbessert. Wenn er alles gibt, sich aufopfert, dann wird der Erfolg kommen.« (S. 180)

Die Kritik von Dziuk blitzt also in weiten Teilen eher subtil zwischen den Zeilen hervor. Meistens legt er sie dem eher skeptisch eingestellten Kasper in den Mund, der jedoch niemals ernsthaft in das Geschehen eingreift.

»›Weißt du, auch wenn ich mir einen gelegentlichen Kommentar nicht verkneifen kann, eigentlich beobachte ich die Situation mit Gleichmut […]‹« (S. 226)

Immerhin nimmt das blinde Vertrauen in die eigene Technologie für einen der Protagonisten ein höchst symbolträchtiges Ende. Aktuell ist die Thematik in jedem Fall: Dass wir die Kontrolle über uns, unseren Alltag und unsere Daten in zweifelhafte Hände legen und uns das Denken immer mehr abgenommen wird, das ist ja bereits Teil unserer Realität.

Das zweite große Thema des Romans wird in meinen Augen gelungener angepackt: Viele der Figuren scheitern an den Vorstellungen und überzogenen Anforderungen der modernen Unternehmenswelt, die uns den stets glücklich in seiner Tätigkeit aufgehenden Mitarbeiter als Idealvorstellung präsentiert. In Wahrheit verbergen sich hinter diesem gerne propagierten Bild Ausbeutung und soziale Kälte. Exemplarisch hierfür steht in »Das Ting« zum einen das Großunternehmen »Strindberg Consulting« von Kaspers Vater Gustaf. Doch auch das eigens gegründete Ting-Start-up als vermeintlicher Gegenentwurf steht dem Großkonzern in Sachen Ausbeutung (hier eher in Form der Selbstausbeutung) und schöner Schein in nichts nach. Auch wenn die Schilderungen an mancher Stelle ziemlich überzogen wirken, so trifft Dziuk hier genau den Nerv der Zeit – und einen wunden Punkt.

»Sonja ist die Erste gewesen und hat mittlerweile die Stelle als seine Assistentin inne. Adam hat sie mehrmals nachts um zwei angerufen, um eine anstehende Social-Media-Kampagne zu besprechen. Es entwickelte sich nicht nur ein konstruktives Gespräch, sie bot sogar an, sich sofort mit ihm im Büro zu treffen.« (S. 227)


Fazit: Vieles steckt drin, doch einiges wird nur angedeutet. Das Thema »Künstliche Intelligenz« wirft eine ganze Reihe großer Fragen auf, die der Leser weitestgehend selbst stellen und reflektieren muss. Ein faszinierendes Gedankenexperiment, das ruhig einen Schritt weiter hätte gehen können.

Rund um’s Buch:

»Das Ting« ist Artur Dziuks erster Roman. Erschienen ist er im jungen DTV-Imprint »bold« (»mutig«, »kühn«). Seit dem Frühjahr 2019 verlegt DTV hier Literatur, die sich insbesondere an die Generation der Digital Natives richten soll.

Artur Dziuk * Das Ting * bold * 978-3-423-23006-3 * September 2019 * 464 Seiten * Hardcover * 18,00 Euro

Let it flow…Flaniermeile Frankfurter Buchmesse

Eigentlich erinnert mich vieles auf der Frankfurter Buchmesse an den ansässigen Flughafen: Unglaublich weitläufig, viel Potential, sich zu verirren und Menschenmengen überall…Und doch übt die Melange aus Bookaholics, Bücherwelten und Buchschaffenden stets aufs Neue ihren unwiderstehlichen Reiz auf mich aus. Dieses Jahr ließ es sich endlich wieder einrichten: Bewaffnet mit Flyern, Visitenkarten und einem ausreichend großen Stoffbeutel mischte ich mich ins Getümmel.

Frankfurter Buchmesse Halle 3

Auf dem Plan: Eine Reihe beruflich interessanter Verlage ansteuern, bei denen ich unbedingt einmal anklopfen wollte, 2-3 alte Bekanntschaften pflegen und ein paar fancy Impressionen für die Social Media-Kanäle unserer Buchhandlung einfangen. Darüber hinaus hatte ich mir dieses Jahr mal nichts vorgenommen. Und was soll ich sagen: Das waren – von den obligatorischen schmerzenden Füßen einmal abgesehen – die bei weitem stressbefreitesten und trotzdem lohnendsten zwei Tage Messe, die ich als Besucher je erleben durfte. Mit Eindrücken, die lange bleiben werden, und jeder Menge vielversprechender Begegnungen.


Was bin ich das letzte Mal durch die Hallen gehetzt, hatte mir Veranstaltungen rausgesucht, die ich unbedingt besuchen wollte, viel zu viele Termine vereinbart, für die ich von einem Ende der Messe zum anderen rennen musste. Bei den großen Lesungen traf ich entweder eine Stunde im Voraus ein oder musste mich im hinteren Drittel halb tottreten lassen, ohne viel von der Show mitzubekommen. Die großartigen Stände zogen an mir vorbei, ohne dass ich sie richtig wahrnehmen konnte, denn ich war ja immer irgendwie bereits wieder auf dem Weg irgendwohin. Gleichzeitig wohnte da dieser Anspruch im Kopf, jede Halle zu besuchen und möglichst jeden Stand einmal gesehen zu haben.

Wie froh ich bin, es dieses Jahr anders angegangen zu sein…


Klasse statt Masse, spontan statt Plan. Man sieht (und hört) so viel mehr, wenn man sich zwischendurch entspannt durch die Gänge treiben lässt, großartige Präsentationen mal ausgiebiger betrachtet, Verlage entdeckt, die man noch gar nicht kannte, sich Zeit nimmt für die Gesichter hinter den Kulissen, fürs Stöbern, für spontane Gespräche, fürs Zuhören. Ein überraschender Optimismus war da vielerorts spürbar in der eigentlich gebeutelten und immer wieder totgesagten Branche. Eine der positivsten Erfahrungen dieser Messe.

Selbst die Promidichte fiel beim aufmerksamen Flanieren höher aus als beim mühsamen Lesungshopping: Kurt Beck spazierte an mir vorbei, Saša Stanišić, der aktuelle Buchpreisträger, schaute sich ebenfalls um, Sascha Lobo und Sebastian Fitzek stellten ihre Bücher vor. Mehr durch Zufall machte ich schließlich am späten Nachmittag ein Päuschen auf einer Bank hinter den Kulissen des Blauen Sofas, wo die Protagonisten des Literarischen Quartetts, Thea Dorn, Volker Weidermann und Christine Westermann, beständig ab- und auftauchten. Manchmal ist man eben zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Den norwegischen Gastpavillon habe ich niemals zu Gesicht bekommen. Machte nix – es gab genügend anderes: Moderne Bücher, antike Bücher, internationale Bücher, verrückte Bücher, Non-Bücher (sic!), Büchermöbel, Buchnerd-Fanservice…


Bücher und Büchermenschen – das bleibt Herz und Seele dieser Messe. Frankfurt, es war großartig! Ich freue mich schon auf das nächste Mal!

Neun Fremde, Liane Moriarty


In vier Worten: Herrlich überzeichnet - abgrundtief böse

Neun Fremde, Liane Moriarty

Karriereknick, Eheprobleme, Übergewicht…die Gründe, die neun einander völlig Fremde zu einem zehntägigen »Cleansing« im abgelegenen Wellness-Resort mit dem klingenden Namen »Tranquillum House« zusammenführen, sind so unterschiedlich wie die Charaktere selbst. Die meisten erhoffen sich eine im besten Falle erhellende Verschnaufpause von ihren kleinen und großen Sorgen. Doch schnell stellt sich heraus, dass sie sich hier nicht auf einem harmlosen Wellnesstrip befinden und die markigen Sprüche vom »neuen Ich« und dem »revolutionären therapeutischen Ansatz« keine leeren Werbebotschaften bleiben sollen. Denn Resortleiterin Masha, eine ehemalige Karrierefrau, brennt voll und ganz für ihre Mission. Und sie macht keine halben Sachen…


Gesunde Lebensweise ist eine DER Religionen unserer modernen Zeit. Genau dieses Thema nimmt Liane Moriarty hier gnadenlos auseinander, mit abgründigem, teilweise fast schwarzem Humor und aus stetig wechselnder Perspektive aller neun Gäste und ihrer drei Betreuer. So harmlos alles anfängt, so gut gelingt es der Autorin von Anfang an beim Leser für ein unbehagliches Gefühl in der Nackengegend zu sorgen und böse Vorahnungen auf das Kommende zu erwecken.

»›Niemand reist früher ab‹, antwortete Yao seelenruhig. ›Nun ja, aber man darf. Wenn man möchte.‹ ›Niemand reist früher ab‹, wiederholte Yao. ›Das kommt einfach nicht vor. Niemand möchte überhaupt wieder nach Hause! Sie sind auf dem Weg zu einer wahrhaft transformativen Erfahrung, Frances.‹« (S. 65)

Zwischendurch verzettelt sich Moriarty ein wenig und nicht alle Charaktere kommen in ausgewogenem Verhältnis zu Wort (z.B. Lars). Die Charaktere, die viel Raum erhalten, muss man jedoch einfach ins Herz schließen, allen voran die Schriftstellerin Frances Welty. Sie hinterfragt das ganze Wellness-Gefasel mit einer imaginären spitzen Feder und einer Menge Sarkasmus im Blut. Dabei schwebt sie ein wenig über den Dingen und wirkt damit ein Stück weit wie das Alter Ego der Autorin, das allerdings im Verlauf der Handlung ebenfalls in den Strudel der Ereignisse hineingezogen wird.

»Zu sechst stiegen sie in achtsamer, die Füße vom Ballen zur Fußspitze abrollender Slow Motion die Titanic-Treppe hinunter, und Frances versuchte, nicht daran zu denken, wie absurd das alles war. Wenn sie jetzt lachte, würde sie einen Lachkrampf bekommen. Sie fühlte sich bereits ein wenig schwummerig vor Hunger. Es war Stunden her, dass sie die KitKat-Verpackung abgeleckt hatte.« (S. 128)

Neben dem immer kurioseren Verlauf des Cleansings, das langsam aber sicher in eine Katastrophe abdriftet, sorgen die schrittweise enthüllten Lebensgeschichten und Geheimnisse der Gäste für das nötige Salz in der (Gemüse)Suppe. So mancher Charakter sorgt noch für Überraschungen und nicht alle sind empfänglich für Mashas Methoden. Der Twist am Ende war für mich nicht vorhersehbar und ist szenisch hervorragend umgesetzt. Großartig, der Moment, in dem Masha ihre ganz eigene »Transformation« durchlebt…


Fazit: So herrlich böse! Pointierte Abrechnung mit der Wellness-Industrie und Achtsamkeits-Bewegung, die hier alles andere als entspannt auftritt. Masha als fanatische Wölfin im Bademantel gegen den Rest der Welt.


Rund um’s Buch:

Autorin Liane Moriarty verdankt ihren größten Erfolg der Verfilmung ihres Werks »Big little lies« als HBO-Serie. Auch die Filmrechte an »Neun Fremde« wurden bereits von einer prominenten Produzentin erworben: Nicole Kidman. Man darf also gespannt sein, wie die Geschichte auf der großen Leinwand zur Geltung kommen wird, zumal Kidman offenbar selbst in die Rolle von Resortleiterin Masha schlüpfen wird…

Liane Moriarty * Neun Fremde * Diana Verlag * 978-3-453-29234-5 * August 2019 * 528 Seiten * Hardcover * 20,00 Euro

SEO-Texte oder: Wie du Google für deine Worte erwärmst…

8:45 Uhr an einem schönen Sommermorgen, die Sonne brennt kräftig auf das Dachgeschoss im ansprechend renovierten Alten Schlachthof Nr. 47. Die Laptops sind aufgestellt und die Luft ist bereits jetzt erfüllt vom eifrigen Tastengeklapper der Schulungsteilnehmer. Auch ich gebe schonmal das einprägsame Passwort für das Gäste-WLAN ein und reserviere mir einen der leckeren Orangensäfte. Denn das Versprechen auf eine anständige Backofenatmosphäre liegt wortwörtlich in der Luft. Gleich soll er beginnen, der Workshop zum Thema Suchmaschinenoptimierung (SEO), organisiert von den Netzstrategen und der City Initiative Karlsruhe…

Jetzt aber schleunigst eine Zwischenüberschrift (NICHT die H1!), mit Keyword! (SEO-Texte, SEO-Texte…)

So viel kann man sagen: Nach dem Schulungstag habe ich Webseitentexte mit anderen Augen gesehen. Und es war eine äußerst lohnende Erfahrung. Wir haben Einblicke erhalten in die Welt der Mechanismen, mit denen die Suchmaschinen Webseiten prüfen und nach Relevanz, Glaubwürdigkeit etc. beurteilen. Denn vereinfacht gesagt:

Die Suchmaschinenoptimierung (SEO) beinhaltet alle Maßnahmen, die dazu dienen, Webseiten im Suchmaschinenranking in den unbezahlten Suchergebnissen eine höhere Platzierung zu sichern.

Google Ranking SEO-Texte
Quelle: Pixabay.com

Recht schnell wurde klar, dass es nicht alleine auf die Texte ankommt, damit Google und co. die Webseite mit einem hohen Ranking belohnen. Es gibt zahlreiche technische Voraussetzungen, die zunächst gegeben sein müssen. Doch wenn die stimmen, dann machen Aufbau und Gestaltung der Seitentexte den feinen, aber entscheidenden Unterschied.

Vom simplen Keywordstuffing hin zum komplexen Algorithmus

Suchmaschinen wie Google entwickeln sich ständig weiter und beurteilen Webseiten zunehmend differenziert und nach einem komplexen Kriterienkatalog. Heutzutage reicht es also längst nicht mehr aus, ein bestimmtes Keyword (SEO-Texte…hust) möglichst häufig im Text unterzubringen, damit man bei Google auf der ersten Ergebnisseite auftaucht. Dies kann im Gegenteil sogar schaden und wird abgestraft. Darüber hinaus bieten Texte dieser Art oft keinen wirklichen Mehrwert und sind alles andere als angenehm zu lesen.

Umso erfreulicher also, dass die Netzwerkstrategen einen guten Überblick über die zahlreichen Faktoren vermittelt haben, auf die es ankommen kann, und darüber hinaus viele gute Praxistipps parat hatten:

  • Wie man passende, aktuell gefragte Keywords findet, auswählt und angemessen einsetzt
  • Wie man Suchmaschinenbeschreibungen (SERPs) ansprechend und Google-konform formuliert
  • Wie man sinnvolle Verlinkungen setzt und die eigene Seite lokal und überregional vernetzt
  • Welche Faktoren ganz allgemein zum Thema Aufbau und Gestaltung eine wichtige Rolle spielen, um überzeugende und leserfreundliche SEO-Texte zu fabrizieren
  • Nicht zu vergessen: Die zunehmende Wichtigkeit der Beschaffenheit von Bildbeschreibungen sowie einer Optimierung der Texte für mobile Endgeräte
SEO-Text
Quelle: Pixabay.com

SEO-Texte versus kreatives und korrektes Schreiben?

In meinen Augen einer DER Knackpunkte beim Thema SEO-Texte ist die schwierige Frage, inwieweit man Kompromisse finden kann und eingehen muss. Authentische und einzigartige Texte sind wichtig, um sich von der Masse abzuheben. Das beginnt schon mit der Überschrift. Doch natürlich sollen auch die Nutzer die Seite und passende Informationen möglichst leicht finden. Das bedeutet: Bei allem Enthusiasmus für extravagante Wortspiele, raffinierte Neuschöpfungen und eine abwechslungsreiche Wortwahl darf man die nüchternen Keywords nicht aus den Augen verlieren. Eine Herausforderung!

Ähnlich verhält es sich beim Thema Korrektheit: Nicht alles, wonach der Nutzer googelt, steht so tatsächlich auch im Duden oder enthält Fachbezeichnungen. Ein kleines Beispiel aus der Praxis: „Korrektorat“ ist eine fachlich passende Beschreibung für meine Tätigkeit, doch gesucht wird mindestens 5x so häufig nach dem Stichwort „Korrekturlesen“. Weswegen ich dieses natürlich bevorzugt einsetze…

Fazit: SEO-Texte sind kein Hexenwerk – aber es stecken eine Menge Überlegungen dahinter

Insgesamt war es ein sehr anregender Tag mit vielen interessanten Menschen, praxisnahen Informationen aus erster Hand und, ja, leckerem Orangensaft.

Danke an die Netzstrategen, die City Initiative Karlsruhe und ganz besonders an Referentin Anna Gienger für den gelungenen Workshop!

Sprachökonomie auf Trierisch

Deutsche Sprache, schwere Sprache. Warum sollte es denn nicht ein bisschen einfacher gehen? Die Trierer jedenfalls haben das Wort »nehmen« komplett aus ihrem Wortschatz gestrichen und verwenden nur noch das universell einsetzbare »holen«. Eine Eigenart, die man sich nach ein paar Jahren vor Ort durchaus angewöhnen kann, wenn man nicht aufpasst wie ein Luchs…

Paar beim Einsteigen am Bahnhof: »Schatz, holst du den Koffer? «

Mann (verwirrt): »Wieso holen, er steht doch direkt neben dir??? «

Der Trierer »nimmt« niemals seine Medizin, er holt sie grundsätzlich. Nach einer Party holt man gerne jemanden im Auto mit und sogar die Pfunde werden abgeholt.

Auch bis in die Zwiebelfisch-Kolumnen von Bastian Sick (»Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod«) ist das Thema bereits vorgedrungen:

https://www.spiegel.de/kultur/zwiebelfisch/zwiebelfisch-wo-holen-seliger-denn-nehmen-ist-a-462908.html

Das Foto sollte den letzten hieb- und stichfesten Beweis liefern, dass Sie, liebe Leser, mir diese Geschichte auch wirklich abholen können…. 😉

Universität Trier 
Kaffee zum Mitholen
Bar „Übergang“, Universität Trier

Das Spiel der Nachtigall, Tanja Kinkel

Tanja Kinkel
Das Spiel der Nachtigall

Die Architexterin …

… über die Autorin:

»Tanja Kinkel bietet als Autorin historischer Romane schlicht und einfach die gelungenste Mischung aus Fakten und Fiktion. Gekonnt führt sie über die verschlungenen Pfade der Geschichte, die oft schon an sich so faszinierend sind, dass unnötiges Dramatisieren nur stören würde. Dennoch gelingt ihr das Kunststück, nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern gleichzeitig über die vielen Seiten hinweg kein bisschen Langeweile aufkommen zu lassen. So gibt es stets fiktive Charaktere, die sich überzeugend in die Rahmenhandlung einfügen und ebenso authentisch wirken, wie das von ihr erdachte Innenleben historisch belegter Persönlichkeiten. […]«

… zum Inhalt:

»Hauptfiguren des Romans sind die fiktive jüdische Ärztin Judith und der Sänger Walther von der Vogelweide. […]«

»Beiden gemein ist, dass sie, stets auf der Suche nach neuen Gönnern oder auf der Flucht vor Benachteiligung, wenig wohlmeinenden Obrigkeiten und Intrigen, von Hof zu Hof und von Stadt zu Stadt ziehen. Dabei macht Judith vor allem ihre Religion zu schaffen, die sie möglichst zu verbergen versucht. Nebenbei wird also deutlich, wie sehr man als Jude schon gegen Ende des 12. Jahrhunderts mit Schwierigkeiten rechnen musste. […] Stetig kreuzen sich die Wege und zwischen den beiden streitbaren Geistern entwickelt sich eine komplizierte On/Off-Beziehung. «

 …zum Gesamteindruck:

»Immer wieder zeigt sich, dass auch kleine Leute mit Geschick und der vielzitierten ›Macht der Worte‹ Einfluss auf das Geschehen nehmen können – solange sie den Mut haben, sich Gehör zu verschaffen. […]«

»Einziger Wermutstropfen: Stilistisch hat sich schon etwas verändert über die Jahre. Ein bisschen weniger Sex & Crime hätte es auch getan. […] Dennoch: Mit ›Das Spiel der Nachtigall‹ gewinnt Tanja Kinkel viel von ihrer alten Stärke zurück.«


Das Spiel der Nachtigall * Tanja Kinkel * November 2012 * Droemer Knaur * Taschenbuch * 928 Seiten * 978-3-426-63632-9 * 12,99 EUR

Ausschnitte aus der Original-Rezension von 2012, zuerst veröffentlicht auf https://fabelhaftebuecherweltderalienor.blog/

Alles still auf einmal, Rhiannon Navin


In drei Worten: Herzzerreißend – tieftraurig  – anrührend 

Rhiannon Navin
Alles still auf einmal

Der sechsjährige Zach muss hautnah das unvorstellbare Grauen miterleben: Seine Grundschule wird von einem Attentäter mit Schusswaffe heimgesucht. Er kommt davon, doch sein großer Bruder Andy überlebt den schrecklichen Tag nicht. Die Familie ist paralysiert. Während die Mutter zwischen Nervenzusammenbruch und wütendem Aktionismus changiert versucht der Vater krampfhaft, die Fassade der Normalität aufrecht zu erhalten und verkriecht sich in Arbeit. Zach bleibt unterdessen mehr oder weniger allein im Kampf gegen seine Alpträume und mit all den Fragen und dunklen Gedanken, die ihm zusetzen. Kann der kleine Mann über alle hinauswachsen und die Familie wieder zusammenführen?


» Nach einer Weile legte Daddy das Sweatshirt auf seinen Schoß und wischte sich mit der Hand über das Gesicht. Dann drehte er sich zu mir um. ›Wir müssen jetzt stark sein, Zach, alle beide. Wir müssen stark sein für Mommy, okay?‹« (S. 57)

Die Geschichte entwickelt eine fast lautlose emotionale Brutalität, die ihresgleichen sucht und weit über die Schilderungen vom Attentat hinausgeht, mit der »Alles still auf einmal« in medias res startet. Denn das Schlimmste sind nicht einmal die bangen Minuten, die der kleine Zach eingepfercht im Wandschrank verbringt, den Schüssen und Schreien lauschend. Das Leben danach hält für die zarte Kinderseele noch größere Herausforderungen bereit. Denn seine Eltern sind nicht mehr in der Lage, sich um ihn zu kümmern. Das geht so weit, dass Zach am Tag des Attentats, während seine Eltern mit ihm verzweifelt zwischen Tatort und Krankenhaus pendeln, nichts anderes übrig bleibt, als in die Hose zu machen, da trotz Bitten niemand mit ihm eine Toilette aufsucht. Zur Krönung bleibt dies unbemerkt und man legt ihn am Abend mit der zwischenzeitlich getrockneten Hose in sein Bett. Als Mutter bereitet einem die Lektüre an dieser und anderer Stelle fast körperliche Schmerzen. Bezeichnend auch, dass Zach die Wochen danach, zunächst unbemerkt, viel Zeit allein in einem weiteren Schrank verbringt. Dieses Mal zu Hause, im Zimmer seines großen Bruders.

»›Was ist das denn?‹, fragte er. ›Gefühleblätter‹, sagte ich […] ›Wofür steht Rot?‹ ›Schämen.‹ ›Schämen? Warum Schämen?‹ ›Weil ich ins Bett mache‹, sagte ich, und mein Gesicht wurde ganz heiß. […] ›Und Gelb?‹ Es war, als ob Daddy ein Quiz mit mir macht. ›Glücklich‹, sagte ich und sah Daddy wieder an, um zu sehen, ob er es schlimm findet, dass ich ein Blatt für Glücklich gemalt habe, obwohl Andy doch tot ist. Und auf einmal wollte ich das Blatt gar nicht mehr dort hängen haben. ›Und wofür ist das mit dem Loch in der Mitte?‹ ›Für Einsam‹, erklärte ich. ›Einsam ist durchsichtig, deshalb habe ich ein Loch in die Mitte geschnitten, denn es gibt ja keine durchsichtige Farbe.‹« (S. 222/223)

Auch mit seinen emotionalen Nöten bleibt er sich selbst überlassen. Er hat Alpträume, viele Fragen über den Tod und den Täter, die er sich nicht zu stellen traut. Zudem steckt er mitten im Gefühlschaos aus Trauer, Wut und Momenten der Freude, denn er hat überlebt während sein Bruder sterben musste. Ein Bruder, für den sich das Verlustgefühl in Grenzen hält. Häufig drangsalierte Andy ihn und war für die gesamte Familie steter Quell von Zwist und Streitigkeiten. Doch wie soll er verstehen, dass die Erwachsenen das alles im Angesicht des Todes irgendwie zu vergessen scheinen und voll der positiven Worte für den großen Bruder sind? Seine Eltern, die in dieser schwierigen Zeit Halt geben sollten, verlieren selbst jeden Halt, driften auseinander. Das Umfeld kann ihm auch nur bedingt helfen, verliert sich in Plattitüden. Doch immerhin, schon kleine Gesten von Außenstehenden zeigen Zach, dass er gesehen wird und dass er nicht allein ist. Man denke beispielsweise an den Anhänger, den er von seiner Lehrerin geschenkt bekommt. Ein Appell auch an die Gesellschaft, nicht wegzuschauen.

 »›Wünschst du dir manchmal, dass ich tot bin? Ich meine statt Andy? Dass Andy noch hier ist und ich nicht?‹ Ich spürte, wie wieder Tränen in meine Augen kamen. Daddy starrte mich einen Moment lang an und machte seinen Mund ein paar Mal auf, aber es kamen keine Wörter raus, so als ob er erst üben muss, bevor er etwas sagen kann.« (S. 232)

Im starken Kontrast zu den schwer verdaulichen Tatsachen steht die kindliche Naivität, und, man möchte beinahe sagen, Leichtigkeit, mit der die Geschichte aus Zachs Perspektive geschildert wird. Er berichtet über das Chaos um ihn herum und in seinem Innern, teils staunend, immer ungefiltert und ohne Mitleid zu heischen. Dabei kennt er auch wenig Berührungsängste was negative Gefühle und Tabuthemen angeht. Das ist es auch, was die Geschichte so einzigartig und anrührend macht. Der Stil erinnert an Emma Donoghues Bestseller »Raum«, in dem ebenfalls aus der Perspektive eines kleinen Jungen über ein stark erschütterndes Thema berichtet wird.


Fazit: Auch jetzt, mehrere Wochen nach der Lektüre, lässt die Geschichte nicht los. Ein Buch, das unter die Haut kriecht und tiefe Spuren hinterlässt. Dennoch birgt es Hoffnung und zeigt, welch beeindruckende Stärke in einer Kinderseele schlummern kann.


Rund um‘s Buch:

Das Original erschien unter dem vielseitig interpretierbaren Titel »Only child« (dt. »Einzelkind«). Es ist das Erstlingswerk der in Bremen aufgewachsenen Autorin, die heute mit drei Kindern in der Nähe von New York lebt.

Alles still auf einmal * Rhiannon Navin * April 2019 * DTV * Paperback * 384 Seiten * 978-3-423-26217-0 * 15,90 EUR